Perchtoldsdorfer Rundschau 08-09.2018

Nachnamen beigestellt trug. Trotz der internationalen Fami- lienverflechtungen besuchte der junge Fritz – wie es sich für die Söhne der höheren Ministerialbürokratie gehörte – in Wien das altehrwürdige „Theresianum“. Jugend und familiärer Hintergrund in „Tarockanien“ Franz von Orlando betätigte sich im 1791 im josefinischen Stil umgebauten Landgut Theresienau als Musterlandwirt. Er experimentierte mit verschiedenen Maissorten und betä- tigte sich als Rinderzüchter mit einigem Erfolg. Das Land- gut in Wien-Nähe hat für Aloisia den Vorzug geboten, pro- blemlos Verwandtschaftsbesuche absolvieren und den klei- nen Friedrich mitnehmen zu können, zumal der experimen- tierfreudige Gutsherr für den im Ackerbauministerium tätigen Vater sicherlich einen interessanten Gesprächspart- ner abgegeben haben wird. Bis 1882 befand sich die There- sienau im Eigentum der Orlandos und wurde danach an die Ritter Brenner-Felsach verkauft. Nach der Matura studierte Herzmanovsky-Orlando aber nicht Landwirtschaft, sondern von 1896–1903 Hochbau an der Wiener Technischen Hoch- schule. Innerhalb der folgenden eineinhalb Jahre lernte er seinen dann lebenslangen Freund Alfred Kubin kennen und fand in München Anschluss an den Kreis der „Kosmiker“ um Karl Wolfskehl. Herzmanovsky-Orlando arbeitete 1904/05 als angestellter, danach als selbständiger Architekt. 1911/12 gab er wegen schmerzhafter chronischer Nierentu- berkulose seinen Beruf auf, heiratete Carmen Maria Schistulla und lebte fortan als Privatier an der oberen Adria und in Meran. Als Beschäftigung dienten ihm Esoterik und der Neutempler-Orden des ehemaligen Heiligenkreuzer Zis- terziensers Jörg Lanz von Liebenfels, der ein völkisches „Ario-Christentum“ predigte und als Wegbereiter der Ideo- logie Adolf Hitlers gilt. 1928: „Petersdorf“ im „Gaulschreck im Rosennetz“ Herzmanovsky-Orlando legte 1928 sein elf Jahre zuvor fer- tig gestelltes Werk „Der Gaulschreck im Rosennetz“ im Druck vor. Dabei handelt es sich um „eine skurrile Erzäh- lung“, die in einer mit schrulligen Figuren bevölkerten gro- tesk-verschrobenen Fantasiewelt angesiedelt ist. Der Wiener Hofsekretär Jaromir Edler von Eynhuf hat sich vorgenom- men, Kaiser Franz 1829 zum 25. Thronjubiläum eine Milch- zahnsammlung zu überreichen. Allerdings endet die „pat- scherte“ Geschichte mit dem Selbstmord Eynhufs, wenn auch nicht ohne Perchtoldsdorf-Bezug. Auf seinen Wegen durch das altösterreichische Panoptikum begegnet Eynhuf im Kapitel „Zwei Herzen und ein Ringelspiel“ dem Baron Nadir von Semlin, dem getauften Sohn des Schahs von Per- sien, den Maria Theresia taufen und erziehen habe lassen. Der alte Baron sei ein Freund von Eynhufs Vater gewesen und daher Jaromir von Kindesbeinen an vertraut. Im Gar- ten seines ländlichen Refugiums bei Mödling, wo er etwa einen Harem unter der Leitung Anna Kaltenbrunners unter- hielt, habe er eine Sammlung von Totenschädeln angehäuft, die aus den besseren Tagen seiner Familie stammten. „Aller- dings munkelte man von Mödling bis Petersdorf, ja noch weiter“, so Herzmanovsky-Orlando, „dass er orientalische Gewohnheiten habe“. Ob vielleicht die Theresienau und ihr verwildeter Park als örtlicher Hintergrund für das literari- sche Arrangement des Landguts des Barons von Semlin Pate gestanden haben mag? Der große Durchbruch blieb Herzmanovsky-Orlando mit dem „Gaulschreck im Rosennetz“ zu Lebzeiten versagt. Die „Wiener Schnurre aus demmodernden Barock“ erschien vor neunzig Jahren als Herzmaovsky-Orlandos einzige zu Leb- zeiten veröffentlichte literarische Arbeit. Seit 1932 war der Autor – möglicherweise inWeiterführung seiner Aktivitäten im völkisch-religiösen Bereich und imNeutempler-Orden – Mitglied der NSDAP. 1954 starb er auf Schloss Rametz bei Meran. Sein Werk besteht aus Fragmenten, seine Texte sind alles andere als durchgängig und weisen den Charakter einer Aneinanderreihung von Vignetten oder Sketches auf. In der Tradition seines Entdeckers FriedrichTorberg herrschte lange die Ansicht, dass Herzmanovsky-Orlando ein „genialer Ama- teur“ gewesen sei, dessen Werk zwar geniale Momente ent- halte, dem es aber insgesamt an Ordnung und Form fehle. Die Nähe Lanz von Liebenfels, die Beschäftigung mit Ras- sentheorien, die Vorliebe für Irrationales aller Art müssen den heutigen Literaturinteressierten misstrauisch stimmen. Auch als Zeichner blieben Erfolge aus. Lediglich zwei Aus- stellungen kamen zu Lebzeiten des Künstlers zustande: eine in Berlin 1927 und eine in Wien 1932. Auch in Perchtolds- dorf sind die Spuren der Familie Orlando verschwunden, die „Theresienau“ wird neben ihrer landwirtschaftlichen Nut- zung und als Sitz der Brenner-Felsachschen Gutsverwaltung als Reiterhof und Reitschule genutzt. Gregor Gatscher-Riedl 01 // Fritz von Herzmanovsky-Orlando. Foto Bildarchiv der Österrr. Nationalbibliothek, Wien. 02 // Die „Theresienau“ in Perchtoldsdorf, benannt nach Therese von Orlando. Das Anwesen bot möglicherweise die Anregung zum Wohnsitz der Figur des Barons von Semlin in Herzmanovsky-Orlandos „Gaul- schreck“ im Rosennetz. Archiv der Marktgemeinde Perchtoldsdorf. 03 // Fernsicht durch den verwil- derten Park auf das Barockan­ wesen, das möglicherweise die Anregung zum Wohnsitz der Figur des Barons von Semlin in Herz- manovsky-Orlandos „Gaul- schreck“ im Rosennetz. Archiv der Marktgemeinde Perchtoldsdorf. 04 // Ansichtskarte der „Theresienau“ aus den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts. Sammlung Harald Eschenlor. perchtoldsdorfer rundschau 08.-09.2018 // 05 literaturgeschichte

RkJQdWJsaXNoZXIy MzgxNTI=