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Das Schwedenstift blickt in seiner 90jährigen Geschichte auf eine Reihe von wechselnden Zielsetzungen zurück, die je nach den Erfordernissen der Zeit und den herrschenden Lehrmeinungen die Aufgaben und Tätigkeitsbereiche prägten. Von der Salzlechnerschen Anstalt über das schwedische „Liebeswerk“ und das Kinderkrankenhaus der Zwischen- und Nachkriegszeit bis hin zum modernen Kinderheim unserer Tage – stets standen Kinder mit ganz besonderen Bedürfnissen im Mittelpunkt des Geschehens. Heute bietet das Schwedenstift Kindern in Krisensituationen weit mehr als eine vorübergehende Bleibe und schwerstbehinderten jungen Menschen ein dauerhaftes Zuhause.
Das „Kinderkrankenhaus des evangelischen Vereins Schwedenstift“ – ein humanitäres Hilfsprojekt im Nachkriegsösterreich des Jahres 1921
In der um 1880 von der ehemaligen Perchtoldsdorfer Bierbrauerdynastie Grienauer errichteten Privatvilla Leonhardiberggasse 12 etablierte der Heilpädagoge Franz Salzlechner, der Vater des nachmaligen christlichsozialen Bürgermeisters Franz Salzlechner (1934-38), im Jahr 1905 eine „Privat-, Lehr- und Erziehungsanstalt für schwachsinnige Kinder“. Bald darauf erwarb er auch die Liegenschaft Leonhardiberggasse 10 mit dem 1892 von Bau- und Maurermeister Paul Katzberger für das Ehepaar Franz und Josefine Kopecky errichteten eingeschoßigen Wohnhaus, das nun aufgestockt wurde. 1913 ließ sich der Institutsdirektor auf dem Anstaltsareal ein eigenes einstöckiges Wohnhaus errichten. Das Institut wurde ganz im Sinne der in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelten „Heilpädagogik“ geführt. Einige der 20 bis 40 gleichzeitig dort untergebrachten Kinder konnten so weit gefördert werden, dass sie eine Lehre antraten. Schon damals hat der niederösterreichische Landesfonds dem Betreiber der bis 1919 bestehenden Anstalt finanziell unter die Arme gegriffen und Unterhalt und Schulgeld für bis zu 25 Kinder übernommen.
Die Ernährungslage war bereits in den letzten Jahren der Habsburgermonarchie katastrophal gewesen und blieb auch nach Kriegsende unverändert schlecht. Viele Staaten, darunter auch Schweden, waren tief berührt von der Not, die unter der Bevölkerung in den ehemals kriegsführenden Ländern herrschte. Im Frühjahr 1919 liefen ausländische Hilfsmaßnahmen an, ohne die ein Überleben weiter Teile der Bevölkerung nicht möglich gewesen wäre.
Schon bald nachdem die Salzlechnersche Anstalt ihren Unterrichtsbetrieb eingestellt hatte, übernahm der „Verein Tagesheimstätte für Kriegskinder und Kriegswaisen“ die gesamte Liegenschaft und konnte dank beachtlicher Geldspenden aus Schweden die ärgste Not lindern.
Die „Geburtsstunde“ des Schwedenstifts schlug am 24. Juni 1921, als das nun auch baulich erweiterte Haus als „Kinderkrankenhaus des evangelischen Vereines Schwedenstift“ im Beisein des Bundespräsidenten Dr. Michael Hainisch, des Chefs der schwedischen Hilfsaktion in Österreich Minister Oscar Everlöf und des Präsidenten des evangelischen Oberkirchenrates Dr. Wolfgang Haase eröffnet wurde. Den Grundstock hatten Nils Lago-Enquist durch Sammlungen in seiner schwedischen Heimat und Tausende schwedische Schulkinder mit kleinen Beiträgen gelegt. Obwohl das Kinderkrankenhaus nur wenige Jahre bestehen sollte, blieb dem „Schwedenstift“ der Vereinsname erhalten und erinnert an das beispielgebende humanitäre Engagement des nordeuropäischen Landes. Die Pflege der überwiegend an Tbc erkrankten Kinder oblag evangelischen Diakonissinnen, deren Leitung anfangs eine schwedische Oberschwester innehatte. Das konfessionelle Element spielte dabei eine wichtige Rolle, und für die kleine evangelische Gemeinde in Perchtoldsdorf brachen neue Zeiten an, als man sie ab März 1921 zu gemeinsamen Gottesdiensten in den Betsaal des Schwedenstiftes einlud. Bis zur Errichtung eines eigenen evangelischen Gotteshauses im Ort sollte es allerdings noch 40 Jahre dauern. Das „Schwedenstift“ bestand nach einer Reihe von Aus- und Umbauten durch den Architekten Franz Schuhöcker aus Mauer im Jahr 1921 aus zwei durch einen neu errichteten Mitteltrakt verbundenen Objekten, dem „Stockholmhaus“ und dem „Smålandhaus“, die mit rund 60 Betten zur Unterbringung der kranken Kinder bestimmt waren, und dem isoliert stehenden Schwesternhaus. Zu Ehren der schwedischen Stifter benannte man einzelne Räume nach Mitgliedern der schwedischen Königsfamilie. Die Tagsätze des Kinderkrankenhauses waren sehr niedrig angesetzt, um den Charakter der Anstalt als „Liebeswerk“ auch in der Praxis umzusetzen. Sie wurden nur von zahlungskräftigen Familien eingehoben. Das Betriebsdefizit deckte man aus dem Vereinsvermögen ab.
Kinderkrankenhaus, Säuglingsheim und Kinderheim des Landes Niederösterreich: Das Schwedenstift seit 1926
Das Vermögen des Evangelischen Vereins Schwedenstift war in einem Fonds bei der Nordisch-Österreichischen Bank deponiert. Die Hyperinflation in Österreich von 1914-1923 und die nachfolgende Stabilisierungskrise brachten viele Banken, die mehr als drei Viertel ihres Eigenkapitals eingebüßt hatten, ins Wanken: 1924 brach auch die Nordisch-Österreichische Bank zusammen, und das Vereinsvermögen ging verloren. Fünf Jahre nach seiner Gründung musste der Verein seine Tätigkeit einstellen. Nach längeren Verhandlungen wurde das „Schwedenstift“ vom Land NÖ übernommen und 1926 als erstes Landeskinderspital etabliert. Schon 1931 kam es im Gefolge der Weltwirtschaftskrise zu einer Schließung der Anstalt. In den Folgejahren diente das Gebäude als Sommer-Ferienheim. In der NS-Zeit, am 12.3.1939, wurde das Schwedenstift in ein „Dauerheim“ für Mädchen, zumeist Mündel der Jugendämter im Alter von 4-15 Jahren, umgewidmet. Das Heim verlor die Bezeichnung „Schwedenstift“ und wurde in „Gau-Jugendheim“ umbenannt. Im Oktober 1944 evakuierte man die Insassen des Heimes nach Schönwald-Frain, ein Jugend-Arbeitserziehungslager bei Znaim. Die Kinderübernahme- und Beobachtungsstation, die das Regime kurz vor seinem Niedergang am Leonhardiberg einrichtete, musste infolge der Kriegsereignisse bald einem Lazarett weichen. Zu Beginn der Besatzungszeit war das Schwedenstift für kurze Zeit von russischen Truppen besetzt. Nach einer notdürftigen Instandsetzung wurde das Haus am Leonhardiberg im Oktober 1945 in ein
Kleinkinderkrankenhaus umgewandelt und von 1949 an als reines Säuglingsheim geführt. Erst in den 1970iger Jahren legte es den spitalsmäßigen Charakter ab; erste Schlaf-Wohngruppen wurden eingerichtet, um dem Bedürfnis der Kinder nach Geborgenheit und Familie entgegenzukommen. Von 1980 an fanden Säuglinge nur mehr sporadisch Aufnahme – und das meist nur für kurze Zeit. 1993 wurde aus dem „NÖ Landes-Säuglingsheim Schwedenstift“ mit Beschluss der NÖ Landesregierung das „NÖ Landes-Kinderheim Schwedenstift“.
„Nicht zu Haus und doch daheim“:
Das Schwedenstift heute
In der Sozialpädagogischen Station des Schwedenstiftes werden heute Kleinkinder von den ersten Lebenstagen an bis zum Schuleintrittsalter betreut und begleitet – so lange, bis sich die jeweilige Familiensituation stabilisiert hat bzw. bis geeignete Pflegeeltern oder Wohngruppen für eine langfristige Unterbringung gefunden sind. Die Station umfasst zwei Gruppen mit jeweils bis zu 7 Kleinkindern. Die Kinder besuchen während ihres Aufenthaltes entweder einen öffentlichen Kindergarten oder den angeschlossenen Heilpädagogischen Integrativkindergarten. Im Rahmen der Behindertenhilfe werden im Schwedenstift auch 24 schwerst-mehrfachbehinderte Kinder und Jugendliche in der drei Gruppen umfassenden Pflege- und Förderabteilung betreut, nach Möglichkeit Familien ergänzend und unterstützend, in vielen Fällen auch diese ersetzend. Diese Kinder können altersentsprechend den Heilpädagogischen Kindergarten oder den Unterricht in den basalen Klassen im Haus besuchen. Seit September 2003 ist im Schwedenstift auch eine Wohngruppe für 7 schwerstbehinderte Erwachsene eingerichtet.
Ein neues Kapitel in der 90jährigen Geschichte ist aufgeschlagen: Das Schwedenstift übersiedelt in die Theresienau
Die steigenden Anforderungen an Pflege und Betreuung sind in der veralteten Einrichtung schon seit längerem nur schwer umzusetzen. Ein 2008/09 an Ort und Stelle errichteter Zubau sollte Abhilfe schaffen. Doch schon 2010 musste sich das Land auf „Herbergssuche“ für das Schwedenstift begeben, die zunächst zu scheitern drohte. Erst im Spätsommer 2011 ergab sich sozusagen in letzter Minute nach einem von BGM Martin Schuster initiierten Grundstückstausch im Ortsteil Theresienau eine Lösung für den Verbleib im Ort. Auch ein Großteil der Perchtoldsdorfer/innen hat die schwierige Standortsuche mental begleitet und dabei ein starkes Zeichen der Solidarität mit den Bewohner/innen des Schwedenstiftes und seinem Team gesetzt.
Aufgrund eines einstimmigen Gemeinderatsbeschlusses vom 27. September kann die Gemeinde dem Land Niederösterreich für den Kinderheim-Neubau nun ein bestens geeignetes Areal zur Verfügung stellen. Diese Fläche im Gesamtausmaß von 6.500 m² setzt sich aus 2.500 m² Eigengrund und 4.000 m² Grund, der durch Tausch erworben wurde, zusammen. 2.300 m² sollen zweigeschoßig verbaut werden, Das Grundstück bleibt im Eigentum der Gemeinde, das Land erhält das Baurecht.
Das Schwedenstift wird durch den Verbleib im Ort das engmaschige Netz aus ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, die sich der schwerstbehinderten Menschen annehmen, weiterhin bestens nützen können. Doch nicht nur dem Schwedenstift bietet der neue Standort eine Reihe von Vorteilen. Die Ansiedlung in der Theresienau sichert mit einer die dortigen Grünflächen weitgehend schonenden Verbauung auch den Fortbestand des Naherholungsgebietes rund um den Petersbach. Für den Ortsteil ergeben sich neue infrastrukturelle Möglichkeiten, die zur Errichtung eines Kindergartens im Verbund mit dem Schwedenstift führen könnten. Gespräche mit den Bewohner/innen im Rahmen einer Informationsveranstaltung verliefen sehr konstruktiv.
Das Land Niederösterreich hat über die Planung des Neubaues bereits einen Architektenwettbewerb ausgeschrieben, die erforderlichen Änderungen im Bebauungsplan werden im Jänner/Februar 2012 zur Auflage gelangen.
Nach der Übersiedlung des Schwedenstiftes soll auf dem Leonhardiberg – ganz im Sinne der „Stifter“ - eine neue Betreuungseinrichtung etabliert werden.
Entnommen aus: Perchtoldsdorfer Rundschau, Ausgabe 12/2011-01/2012
Verfasser: Gertrude Langer-Ostrawsky und Christine Mitterwenger
Literatur:
80 Jahre Schwedenstift. 75 Jahre NÖ Landeseinrichtung. Festschrift. Hrsg. vom Schwedenstift Perchtoldsdorf 2001. Direktorin Ulrike Götterer über Leitbild, Aufgaben und Schwerpunkte des Schwedenstiftes auf www.ljh-perchtoldsdorf.at/ Literaturtipp: Die Kinder vom Schwedenstift. Von Isabelle Engels. Redaktion: Monika Kalcsics Ö1 Hörbilder, Samstag, 08. Jänner 2011, 09.05 Uhr, im Internet nachzulesen auf:
http://oe1.orf.at/programm/263686
Gertrude Langer-Ostrawsky ist Archivdirektor-Stellvertreterin im Niederösterreichischen Landesarchiv in St. Pölten.
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